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CD zum Thema:

Niemand hat die Absicht...

Buch zum Thema:

Checkpoint Charlie und die Mauer

Chronik des Mauerbaus

Vorwort

Ich bin 1961 in Berlin geboren worden und damit sozusagen mit der Mauer "groß" geworden. Der unnormalste Zustand der Welt war eben ganz normaler Alltag für uns Berliner. Wo sonst in der Welt gab es eine geteilte Stadt, in der eine Mauer mittendurch führte, die in 2 Staaten lag und in der man „Eintritt“ bezahlen musste, um von West nach Ost zu kommen? In der Zeit nach der Wende habe ich mich mit vielen Kollegen und mittlerweile Freunden über dieses Regime unterhalten, was meine abgrundtiefe Abneigung gegen ebendieses Regime, die ich als Führerscheininhaber auf den Transitstrecken ins Bundesgebiet entwickelte, noch verstärkte. Von daher bemühe ich mich zwar, sachlich zu bleiben, bitte aber darum, mir den einen oder anderen möglichen Anfall von Zynismus und/oder Sarkasmus nachzusehen

Checkpoint Charlie
Das letzte Kontrollhäuschen am Checkpoint Charlie
 
Die Vorgeschichte

Nach Beendigung des zweiten Weltkrieges wurde Deutschland von den Siegermächten besetzt und geteilt. Der Ostteil Deutschlands wurde von der Sowjetunion verwaltet. Berlin erhielt einen Sonderstatus, hier waren alle 4 Siegermächte verteten. 1948 wurde die Währungsreform in Westdeutschland durchgeführt und eine eigene Regierung angekündigt. Stalin empfand dieses als Provokation und verließ den alliierten Kontrollrat. Dieses wurde als Anlass genommen, West-Berlin durch die Sperrung aller Zufahrtswege ab 24.06.1948 total zu blockieren. Nach geltendem Völkerrecht wäre diese Blockade sogar ein Kriegsgrund gewesen. Die Antwort der Alliierten bestand aus einer Luftbrücke. Knapp ein Jahr lang wurde Berlin aus der Luft versorgt. Bis zu 927 Flüge kamen täglich mit Kohlen und Lebensmitteln auf den Berliner Flughäfen Tempelhof, Gatow und Tegel an. Am 12.05.1949 wurde die Blockade wieder aufgehoben und das Ziel der Sowjets war gescheitert - der Abzug der Alliierten aus Berlin.

In der Sowjetunion wurde nach dem überraschenden Tod von Josef Wissarionowitsch Stalin am 5. März 1953 Nikita Sergejewitsch Chruschtschow als erster Sekretär der KPdSU und damit faktisch Staatschef.

Der kalte Krieg

Als Folge des verlorenen Krieges wurden in der DDR viele Betriebe und Eisenbahnanlagen abgebaut und als Reparationsleistung in die Sowjetunion gebracht und dort zum Wiederaufbau benutzt. Der Verlust politischer und persönlicher Freiheiten einerseits und immer höhere Arbeitsnormen andererseits lassen die Zahl derjenigen, die in den "Westen" flüchten rapide ansteigen. Auch die Opposition formiert sich und es kommt zum großen Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953, der mit der Hilfe von sowjetischen Panzern blutig niedergeschlagen wird. Die Flucht wird jetzt zur Massenflucht. Ein hysterischer Propagandafeldzug der DDR erweist sich als Rohrkrepierer, die Flüchtlingszahlen steigen noch einmal dramatisch an. Schon seit Jahren ließ Ulbricht die deutsch- deutsche Grenze von der Ostsee bis zum Bayerischen Wald mit Stacheldraht ausbauen, ab 1960 wurden auch Minen verlegt.
Grenzpolizisten durften auf Flüchtlinge auch ohne Warnschuss feuern. Trotzdem flüchteten die Ostdeutschen zu Hunderttausenden in den Westen, die meisten allerdings über Berlin. Am 4.8.61 wurde den in West-Berlin arbeitenden DDR-Bürgern (sog. "Grenzgänger") eine Registrierung abverlangt. Viele blieben daraufhin in West- Berlin. Insgesamt flüchteten knapp 2,7 Millionen Menschen (andere Quellen nennen 2,9 Mio.) aus der DDR - das ist jedenfalls die amtliche Zahl derer, die über ein Notaufnahmelager in den Westen kamen. Nicht registriert sind diejenigen, die bei Verwandten oder Freunden unterkamen.

Über die Jahre bedeute der nicht versiegende Flüchtlingsstrom für die DDR nicht nur einen immensen Imageverlust, sondern natürlich auch den Verlust von Facharbeitern aller Branchen, von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Ärzten. Ein Großteil dieser Menschen war zwischen 20 und 30. Und bis zum Zeitpunkt des Mauerbaus war die Flucht aus Ost-Berlin auch einfach und relativ gefahrlos. Die Hälfte aller Flüchtlinge wählte den Weg nach West-Berlin. Es genügte ja auch, sich für 20 Pfennig in die U- Bahn, S-Bahn oder Straßenbahn zu setzen, um in den Westteil Berlins zu gelangen. Lediglich Personen mit viel Gepäck machten sich der Republikflucht verdächtig. Diese Fluchtabsicht konnte, wenn man sie nachgewiesen bekam, mit einer Gefängnisstrafe von bis zu 3 Jahren geahndet werden.
Um dem Flüchtlingsstrom entgegenzuwirken, probierte sich die SED-Führung unter Walter Ulbricht, Moskau für eine Absperrung zu gewinnen, anfangs aber noch ohne Erfolg. Den Sowjets kamen neue internationale Verwicklungen sowie eine erneute Kriegsgefahr ungelegen. Erst 1961 ließen die Flüchtlingszahlen diese Maßnahme unverzichtbar erscheinen. Hier sei Walter Ulbricht zitiert:
"West-Berlin ist ein Paradies der Menschenhändler, Spione, Diversanten, eine Eiterbeule, die junge Menschen systematisch durch Filme verseucht, die Mord und andere Schwerverbrechen lehrt" Den Bleibewilligen versprach er, dass der Lebensstandard der Bundesrepublik bis 1961 einzuholen, ja zu überholen. Typischer bissiger Berliner Kommentar: "Wieso wollt ihr den Kapitalismus überholen, wenn er sowieso vor dem Abgrund steht?"

15. Juni 1961 Niemand hat die Absicht...

Die berühmten Worte auf der internationalen Pressekonferenz vom 15. Juni 1961 auf die Frage von Frau Annamarie Doherr von der Frankfurter Rundschau: "Bedeutet die Bildung einer Freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?" lautete die Antwort von Walter Ulbricht: "Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht. Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird dafür voll eingesetzt. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!"

Blick vom Aussichtsturm des Mauerdokumentationszentrums
Blick vom Aussichtsturm des Mauerdokumentationszentrums auf ein Stück erhaltenen Grenzstreifen in der Bernauer Str. in Berlin
 
06. Juli 1961

Walter Ulbricht erhielt von Nikita Chruschtschow das „OK“ zur Abriegelung West-Berlins, um den Flüchtlingsstrom und damit die langsame Vergreisung der SBZ (sowjetisch besetzte Zone) zu unterbinden. Die Koordination der Vorbereitungen wurde dem damaligen Sekretär für Sicherheitsfragen übertragen - Erich Honecker. Eines der größten Probleme in diesen Tagen war der Mangel an Stacheldraht. Über 100 Tonnen wurden zunächst von der innerdeutschen Grenze quer durch die Republik transportiert, um die westlichen Geheimdienste zu täuschen, um sie dann im Berliner Umland zu lagern.

25. Juli 1961

Generalleutnant Grigorij Ariko, Stabschef der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, befahl, dass die "Gruppe der sowjetischen Streitkräfte" zusammen mit dem Ministerium des Inneren einen Plan zur Sicherung der Sektorengrenzen erarbeiten sollte. Polizisten und Betriebskampfgruppen sollten die Grenzübergänge sperren, dahinter sollte die NVA (nationale Volksarmee) größere Durchbrüche verhindern. Divisionen der 20. Gardearmee sollten die Amerikaner vom Eingreifen abhalten. Spätestens am 8. August, so wurde von Ariko verlangt, hätten die Pläne fertig vorzuliegen.
Ulbricht wollte unbedingt an einem Sonntag "losschlagen", davon ausgehend, dass die Berliner an einem Sonntag ins Grüne fahren würden und somit die Proteste geringer ausfallen würden.

06. August 1961

Die amerikanische CIA bekam einen Hinweis, dass "drastische Maßnahmen" zur Abriegelung West-Berlins am nächsten Wochenende vorgesehen seien. Auch die amerikanischen Diplomaten wiesen früh auf die mögliche Schließung der Grenzen hin. Auch dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem französische Geheimdienst lagen Informationen vor. Die Einschätzung der Informationen war aber unsicher. Man rechnete zwar damit, dass sich Ulbricht in Moskau für wirksame Sperrmaßnahmen einsetzen würde, aber (Zitat) "Es bleibt abzuwarten, ob und wie weit Ulbricht... mit entsprechenden Forderungen durchzudringen vermochte"

12. August 1961

Es lagen dem BND jetzt konkrete Informationen vor, dass die "Abriegelung des Ostsektors von Berlin und der SBZ in den nächsten Tagen durchzuführen ist und nicht erst, wie ursprünglich geplant, in 14 Tagen".

Der damalige regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, sprach auf einer Wahlkampfveranstaltung in Nürnberg. Es schien, als habe er eine Ahnung dessen, was kommen würde. "Die Menschen aus der DDR würden flüchten, weil sie Angst haben, dass die Maschen des eisernen Vorhangs zementiert werden. Weil sie fürchten, in einem gigantischen Gefängnis eingeschlossen zu werden." Wahrhaft prophetische Worte.

In Ost-Berlin war hektischer Betrieb im Gebäude des Berliner Polizeipräsidiums, in dem auch Mauer-Organisator Erich Honecker seinen Schreibtisch hatte. Seit 20 Uhr wurden Offiziere der Volksarmee eingewiesen. In anderen Räumen wurden die Betriebskampfgruppen zusammengetrommelt, dabei taten sich Leute wie u.a. die spätere PDS-Größe Hans Modrow hervor.

Die festgesetzte Zeit war der 13.08.1961, ein Uhr in der Nacht.

13. August 1961

Pünktlich um ein Uhr gingen an den Grenzen die Lichter aus. Lastwagen karrten den Stacheldraht und Truppen herbei. Soldaten mit Preßlufthämmern rissen am Brandenburger Tor, welches mit Suchscheinwerfern beleuchtet war, das Pflaster auf.
Alle zwei Meter stand ein Posten, Betriebskampfgruppen stellten spanische Reiter auf, legten Betonschwellen und montierten Straßensperren. Honecker hatte 30 Minuten vorgegeben, um 68 der insgesamt 81 Übergänge nach West-Berlin zu schließen. Weitere 3 Stunden später sollten die Übergänge richtig verrammelt sein ("pioniertechnisch abgeriegelt").

193 Haupt- und Nebenstraßen mussten abgeriegelt werden, 12 U-Bahn- und S-Bahnlinien sowie 48 Bahnhöfe wurden gesperrt und Vopos hatten die Einstiegsschächte zur Kanalisation zu überwachen.

Als erster Sender unterbrach der RIAS um 03:25 Uhr sein Programm, ein Sprecher verkündete: "Starke Kräfte der Volkspolizei haben heute Nacht die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin gesperrt."

Auf dem Bahnhof Friedrichstraße herrschte um kurz nach 5 Uhr Chaos. Die Reisezüge aus dem Westen hielten nur noch auf dem Bahnsteig A, der für Ostdeutsche nicht mehr zugänglich war. "Auf den Bahnsteigen stehen Hunderte von Menschen, die nach W(est- )B(erlin) wollen", notierte die Volkspolizei. Schreiend, manchmal in Tränen, erzählte der Journalist Peter Wyden, hätten die Menschen versucht, "den Bahnsteig der S-Bahn zu stürmen, ohne zu wissen, dass der Verkehr in den Westen unterbrochen war".

Es existieren Berichte der Volkspolizei aus jener Nacht und den darauf folgenden Tagen aus verschiedenen Stadtteilen Berlins, die derzeit teilweise auch im Internet zu lesen sind → Chronik der Mauer.

Zitate aus der Onlineausgabe des "Spiegel":
  • 9.20 Uhr: "In der Kremmener Straße versuchen Bürger, die Haustüren einzuschlagen, um in die Bernauer Straße zu gelangen."
  • 10.45 Uhr: "Information Mitte: Am Übergang Köpenicker Str. haben sich auf beiden Seiten ca. je 100 Personen angesammelt, die unsere Posten provozieren. Sie versuchen die Sperre zu durchbrechen."
  • 11.20 Uhr: "Information Treptow: Am Flutgraben, Nähe Lohmühlenstr., hat sich ein junges Mädchen gegen 10.00 Uhr bis auf die Unterwäsche entkleidet, ist in den Flutgraben gesprungen und nach WB geschwommen. Sie wurde von der dortigen Menschenmenge 'empfangen'."
  • 11.30 Uhr: "Kontrollpunkt Sonnenallee: Ca. 1500 Personen, die erkennen lassen, dass sie nach West-Berlin wollen ... Zwei Hundertschaften der Kampfgruppen eingesetzt."
  • 16.05 Uhr: "Ca. 300 Jugendliche haben die Drahtsperren in der Wolliner Straße durchbrochen. 7. Bataillon der Kampfgruppen wurde ... in Marsch gesetzt."
  • 17.50 Uhr: "Information Treptow: Vom "demokr." Berlin aus schwimmen Jugendliche im Landwehrkanal von einer Seite zur anderen und benutzen teilweise Luftmatratzen."
  • 18.10 Uhr: "Transportpolizei Berlin: Durch den Stellwerker auf dem Bahngelände Eberswalder Str. wurde bekannt, dass Bürger aus dem "demokr." Berlin die Trennmauer zwischen Eberswalder Str. und Bahngelände überstiegen und damit illegal das "demokr." Berlin verließen." (Persönliche Anmerkung: Ist doch widersinnig, finde ich. Wie kann man etwas Demokratisches illegal verlassen?)

Die meisten Ost-Berliner wurden von der Grenzschließung überrascht, wie die Vopos stolz vermerkten. Wer aufbegehrte, wurde in Schnellverfahren abgeurteilt. Willy Brandt war in dieser Nacht auf dem Weg von Nürnberg nach Kiel und wurde mitten in der Nacht geweckt und stand wenige Stunden später am Brandenburger Tor.
Am späten Vormittag traf Brandt die 3 Stadtkommandanten der Alliierten und wünschte sich wenigstens symbolische Aktionen.
Vergeblich.

14. August 1961

Erst jetzt erschienen Militärstreifen an der Grenze, weitere 24 Stunden später, also am 15. August ging der Protest der Alliierten beim sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst ein und nochmals 24 Stunden später traten endlich die Diplomaten in Moskau in Erscheinung.

Weiterführende Links:

 
Berliner Mauer Dokumentationszentrum
Berlinstreet.de
Mauermuseum
Chronik der Mauer
Fluchthilfe.de

Michael Neuhauß

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